Praxisbeispiel Angehörigenbetreuung

«Wir müssen die Angehörigenbetreuung mehr ins Zentrum rücken»

Interview mit André Müller, CEO und Kaufmännischer Leiter des KZU Kompetenzzentrums Pflege und Gesundheit in Bassersdorf

Sie haben im Sommer 2019 eine Mitarbeitendenbefragung durchgeführt – was ist dabei herausgekommen?
Wir haben bei diesem Mal eine Zusatzfrage eingefügt – nämlich die Frage, ob die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Hause Angehörige betreuen. Falls ja, wie oft: täglich, wöchentlich oder monatlich? Das Resultat hat uns überrascht – rund ein Drittel betreut zu Hause Angehörige, fast die Hälfte davon täglich. Dabei ist die Kinderbetreuung nicht mitgezählt.

Eine sehr hohe Zahl.
Ja, absolut. Ich denke, dass sich im Betreuungs- und Pflegebereich drei Themen verdichten. Erstens arbeiten bei uns überwiegend Frauen und zweitens viele Frauen mit Migrationshintergrund, die oft einen anderen Bezug zur Familie haben. Häufig sind sie noch stärker in die Betreuung und Pflege von Angehörigen eingebunden. Und drittens ist es so, dass bei Menschen, die beruflich mit Betreuung und Pflege zu tun haben, viele Angehörige schneller bereit sind, sie auch im privaten Kontext einzubeziehen. Für die Betroffenen ist die Kombination von Beruf und Angehörigenbetreuung aber eine Doppelbelastung. Gleichzeitig müssen wir auch selbstkritisch feststellen, dass wir als Arbeitgebende im Bereich der Angehörigenbetreuung noch zu wenig tun.

Warum ist dies so? Im Bereich der Kinderbetreuung bieten Sie beispielsweise mit zwei eigenen Kitas einen hohen Standard – ist Ihnen das Thema Angehörigenbetreuung weniger wichtig?
Keinesfalls, aber das Thema ist einerseits immer noch tabuisiert und andererseits benötigen finanzierbare und praktikable Lösungen eine gewisse Zeit. Zentral ist für uns, dass wir die Arbeitszeitmodelle und das Arbeitsumfeld an die Lebensrhythmen der Mitarbeitenden anpassen – ein Beispiel ist die erwähnte Kita. So wird das KZU Bestandteil des Familiensystems der Mitarbeitenden. Wir wollen aber auch im Bereich der Angehörigenpflege Instrumente entwickeln und Unterstützung bieten.

Welche Instrumente meinen Sie?
Wir sind nun dabei, die Ergebnisse der Umfrage detailliert auszuwerten, anschliessend lancieren wir konkrete Massnahmen. Wichtig ist uns, dass wir einerseits verbindliche Regeln haben und andererseits flexible Lösungen für die betroffenen Mitarbeitenden finden. An erster Stelle steht deshalb die genaue Bedürfnisanalyse – um die verschiedenen Bedürfnisse erstellen wir dann Konzepte. Sodass wir den Mitarbeitenden anbieten können, dass sie zum Beispiel ein halbes Jahr in geringerem Pensum arbeiten oder für eine gewisse Zeit in einer Position mit weniger Verantwortung tätig sind. Dabei dürfen wir einen bestimmten Aspekt nicht aus den Augen verlieren.

Welchen Aspekt meinen Sie?
Viel zu oft geht vergessen, dass auch bereits Lernende Angehörige betreuen. Dies ist in unserem Bildungssystem schlicht nicht vorgesehen – wir lassen die Jugendlichen mit dieser ausserordentlichen Belastung oft alleine. Das geht nicht. Angehörigenbetreuung soll nicht länger ein Tabu sein. Auch hier gilt, wir müssen dieses Thema ins Bewusstsein rücken, einen gesellschaftlichen Diskurs entfachen und konkrete Unterstützungsmassnahmen entwickeln.

Das KZU Kompetenzzentrums Pflege und Gesundheit ist eine öffentlich-rechtlich organisierte interkommunale Anstalt. Sie bietet vorwiegend älteren, pflegebedürftigen Menschen ein Zuhause und führt ein breites Angebot an ambulanten Dienstleistungen. Das KZU beschäftigt rund 450 Mitarbeitende und bildet jährlich gegen 90 Lernende und Studierende in 14 verschiedenen Berufsgruppen aus.