Praxisbeispiel Familienfreundliche Massnahmen

«Was wir bezüglich Familienfreundlichkeit machen, wird in ein paar Jahren hoffentlich Standard sein»

Interview mit Nadja Perroulaz, Mitgründerin und Verwaltungsratspräsidentin Liip

Liip entwirft und entwickelt Webseiten und Apps nach agilen Methoden und ist selbstorganisiert nach dem Holacracy-Modell. Was muss man sich darunter vorstellen und wie funktioniert das Modell im Alltag von Liip?
Im Gegensatz zu klassischen Strukturen organisieren wir nicht Menschen, sondern Arbeit. Dies bedeutet auch, dass die Mitarbeitenden nicht nur für ein bestimmtes «Jobprofil» Verantwortung übernehmen, sondern für eine oder mehrere Rollen innerhalb des Unternehmens. Jede und jeder nimmt verschiedene Rollen ein.

Heute Programmiererin, morgen Personalfachfrau?
Nein, nicht ganz. Das Jobprofil wird in viel kleinere Einheiten, Rollen mit verantwortlichen Personen, sogenannte «Accountabilities», aufgeteilt. Und jede Rolle kann grundsätzlich von mehreren Personen ausgeübt werden. Im Bereich (einem sogenannten Kreis) «Marketing und Communications» wird die Arbeit zum Beispiel in rund 20 Rollen aufgeteilt – Marketing hängt so nicht mehr an ein paar wenigen Personen, sondern an vielen, die einzelne kleinere Teilaufgaben des Marketings bearbeiten. So ist bei einer Person weniger Wissen, aber auch weniger Verfügungskompetenz gebunden. Damit sind alle leichter zu ersetzen und die Organisation als Ganzes flexibler.

Klingt nach viel Wechsel und permanentem Umbruch.
Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben für unsere Branche und für unsere junge Belegschaft – die Mehrheit ist zwischen 25 und 44 Jahre alt – eine bemerkenswerte Loyalität. Die Möglichkeit, sich die Arbeit selbst zu organisieren, empfinden die Mitarbeitenden als Bereicherung. So sind zum Beispiel kurzfristige Absenzen, wie sie oft bei der Betreuung von Kindern oder anderen Angehörigen notwendig sind, viel leichter möglich. Zu wissen, dass die eigene Rolle auch von jemand anderem übernommen werden kann, hilft, mit Unvorhergesehenem gelassener umzugehen.

Damit ist der Besuch bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt während der Arbeitszeit eher möglich?
So ist es. Und hier kommt uns die Selbstorganisation des Holacracy-Modells sehr entgegen. Ist die Arbeit nach Rollen und nicht nach Jobprofilen organisiert, ist Teilzeitarbeit viel leichter möglich – zudem bieten wir allen Mitarbeitenden die Möglichkeit, ihr Arbeitspensum quartalsweise anzupassen; sie können beispielsweise drei Monate 60 Prozent arbeiten und dann ihr Pensum für drei Monate auf 80 Prozent erhöhen. Bei Liip arbeitet etwas mehr als die Hälfte der Mitarbeitenden Teilzeit. An den freien Tagen werden sowohl Kinder oder andere Angehörige betreut als auch Hausarbeiten erledigt – bei uns ist Teilzeit Normalität.

Wie handhaben Sie die Betreuung von Angehörigen, zum Beispiel von kranken Eltern?
Grundsätzlich behandeln wir die Betreuung von anderen Angehörigen gleich wie die Betreuung von Kindern. Bei unerwarteten Ereignissen finden wir immer eine Lösung, bis die Betreuung von Angehörigen geregelt ist. Wir schauen jeden Fall individuell an und sind sehr pragmatisch und grosszügig.

Wird dies nicht ausgenützt?
Nein – oder höchstens indirekt: Der Betreuungsaufwand wird möglicherweise eher bei Arbeitgebenden bezogen, bei denen dies einfacher zu bewerkstelligen ist. Wir weisen Mitarbeitende aber darauf hin, auf eine gleichwertige Aufteilung auf die Unternehmen zu achten. Indirekt springen wir wohl schon auch mal in die Bresche, wenn andere Arbeitgebende weniger flexibel sind.

Dies stört Sie nicht – oder ist Liip so selbstlos?
Wir wollen Konditionen bieten, bei denen sich die Menschen wohlfühlen und arbeiten können. Sodass sie am Arbeitsplatz zu hundert Prozent da sind. Dies gelingt ihnen besser, wenn sie Betreuungsaufgaben und Erwerbsarbeit gut aufeinander abstimmen können. Nicht zuletzt ist aber unsere Branche kompetitiv bezüglich der Anstellungsbedingungen – mit unserer Positionierung haben wir Erfolg: Viele junge Väter arbeiten bei uns Teilzeit. Dieses Angebot ist ein erheblicher Vorteil, um Fachspezialisten zu gewinnen …

… und somit reines Employer-Branding …
Ganz und gar nicht. Wir leben diese Werte seit der Gründung und stehen zu ihnen. Dies verleiht uns Glaubwürdigkeit. Was wir hier machen, wird in ein paar Jahren hoffentlich Standard sein. Wir sehen uns aber auch in einer Vorreiterrolle, indem wir Veränderungen anstossen, die letztlich allen zugutekommen.